Autor: Dmitrijs Anisko, Projektleiter bei SIA Latvijas Energoceltnieks

Das Energie-Bauwesen hat sich in den letzten Jahren besonders schnell entwickelt. Die Nachfrage nach neuer Infrastruktur, Energiespeicherlösungen und verschiedenen Energietechnologien steigt. Dennoch ist die Branche, auch wenn die Technologien immer moderner werden, nach wie vor stark auf menschliche Arbeit vor Ort, praktische Erfahrung und die Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen, angewiesen. Technologien sind nur ein Teil der Umsetzung von Energieprojekten; organisatorische, soziale und wirtschaftliche Aspekte müssen ebenfalls berücksichtigt werden.

Branchenspezifika
Aus rein bautechnischer Sicht sind Energieprojekte, so unglaublich es auch klingen mag, oft nicht die kompliziertesten. Materialien und Technologien sind in vielen Fällen relativ einfach, und der Bauprozess selbst ist nicht übermäßig komplex. Der schwierigere Teil ist in der Regel das Energiesystem – die Geräte, ihre Funktionsprinzipien und die Anforderungen, die sie an den Bauprozess stellen.

Es sind genau die Energietechnologien, die die Projektanforderungen bestimmen, weshalb in dieser Branche eine hohe Nachfrage nach Fachkräften besteht. Das Projektmanagement auf solchen Baustellen kombiniert Ingenieurwesen, Finanzkontrolle und Management sozialer Prozesse. Ingenieurwesen ist wichtig, aber nicht der einzige entscheidende Aspekt – die Erfahrung des Teams und die Zusammenarbeit von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen ist ebenso bedeutsam.

Energie-Fachkräfte
Das Durchschnittsalter der Fachkräfte in der Branche bleibt relativ hoch. Das Wissen erfahrener Fachkräfte ist bei der Projektumsetzung unbestreitbar sehr wertvoll, aber die Tatsache, dass junge Fachkräfte nur langsam in dieses Gebiet eintreten, ist problematisch. Die Arbeit im Energie-Bauwesen erfordert nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch praktische Erfahrung, die sich logischerweise über die Zeit entwickelt. Dies schafft eine paradoxe Situation – die Branche sucht neue Leute, erwartet gleichzeitig jedoch, dass sie bereits über umfangreiche Erfahrung verfügen.

Ich gehe davon aus, dass in Zukunft drei Hauptgruppen von Spezialisten im Energie-Bauwesen entstehen könnten. Zunächst Projektleiter, die Projekte, Verwaltung und Dokumentation überwachen. Zweitens Technologie-Spezialisten, die verstehen, wie die Geräte funktionieren und technische Probleme lösen können. Drittens die „Projektgehirne“ – Software-Ingenieure, die mit Managementsystemen und Künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten. Es wird sehr schwierig, wenn nicht unmöglich sein, dass eine Person alle diese Bereiche gleichzeitig beherrscht.

Technologische Entwicklung

Eine aktuelle Tendenz im Energie-Bauwesen ist das zunehmende Auftreten von Plug-and-Play-Geräten. Dies bedeutet, dass Geräte fast gebrauchsfertig geliefert werden – sie müssen nur noch angeschlossen werden. Die Idee ist recht einfach. Ein normaler Benutzer, ähnlich wie beim Kauf eines neuen Telefons oder Wasserkochers, untersucht das Innere des Geräts nicht, sondern schließt es einfach an und beginnt es zu benutzen. Dieser Ansatz verändert allmählich auch die Rolle der Spezialisten in Projekten.

Energietechnologien lassen sich in zwei Gruppen einteilen – solche, die in den kommenden Jahren wahrscheinlich weit verbreitet sein werden, und solche, die sich noch in der Entwicklung befinden. Viele zukünftige Technologien sind nicht völlig neu; oft handelt es sich um die Integration bestehender Technologien in neue Strukturen oder Umgebungen. Zum Beispiel könnten Solarpaneele in Autodächer, Fensterglas oder Gebäudefassaden integriert werden.

Große Aufmerksamkeit gilt auch der Energiespeicherung. Eine mögliche Methode, Energie über längere Zeiträume zu speichern, könnte Wasserstoff sein, bei dem Energie auf atomarer Ebene gespeichert und später wieder genutzt wird. Wasserstoffbatterien werden ebenfalls entwickelt, die theoretisch effizienter als Lithiumbatterien sein könnten, deren anfängliche Umsetzung jedoch teuer sein wird.

 

 

Potenzial der Fusion

Eine weitere vielversprechende Technologie ist die Kernfusion. Im Gegensatz zu heutigen Kernkraftwerken, die Spaltung nutzen, beinhaltet die Fusion die Verschmelzung von Kernen. Das internationale Projekt ITER[1] versucht, eine sichere und praktisch nutzbare Fusionsreaktion zu erzeugen. Wenn diese Technologie in Zukunft kommerziell nutzbar wird, könnte sie sehr große Energiemengen bei relativ geringem Ressourceneinsatz liefern. Die Entwicklung solcher Technologien erfordert jedoch viele Jahre und erhebliche Investitionen.

KI im Energie-Bauwesen

Wie in jeder anderen Branche wird auch im Energie-Bauwesen KI zunehmend als wertvolles Werkzeug gesehen, das hilft, Prozesse zu beschleunigen und zu optimieren, insbesondere bei arbeitsintensiven Aufgaben wie Datenanalyse und Berechnungen. Ihre Fähigkeit, große Datenmengen zu verarbeiten und schnell Lösungen anzubieten, erleichtert die Arbeit der Spezialisten erheblich und ermöglicht es ihnen, sich auf strategischere und kreativere Aufgaben zu konzentrieren.

Gleichzeitig gibt es erhebliche Bedenken hinsichtlich einer übermäßigen Abhängigkeit von KI. Wenn Fachkräfte ihr zu sehr vertrauen, können ihre eigenen Fähigkeiten und die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu bewerten, abnehmen. Die Annahme von KI-generierten Lösungen ohne sorgfältige Überprüfung kann ernsthafte Probleme verursachen. Fehler in kritischen Systemen wie Stromnetzen können sehr gefährlich sein.

Dieses Problem wirft auch Fragen der Verantwortung auf. Wer ist verantwortlich, wenn KI einen Fehler macht? Das Energie-Bauwesen lässt sich mit Blutgefäßen vergleichen – wie sicher würden Sie sich fühlen, wenn ein Arzt vollständig auf KI anstatt auf sein eigenes Wissen und seine Erfahrung vertraut? Ebenso ist im Energiesektor menschliche Präsenz und kritische Überprüfung notwendig, um die Systemsicherheit zu gewährleisten.

Ein reales Beispiel für dieses Problem ereignete sich in Estland, als die Inbetriebnahme eines Batterieparks fast die Hälfte des Landes vom Stromnetz abschaltete. Dies bestätigte erneut, dass die Auswirkungen der Technologie auf das Netz sorgfältig bewertet werden müssen und man sich nicht ausschließlich auf KI-Lösungen verlassen darf. KI ist zweifellos ein guter Assistent, aber Vorsicht, Verantwortung und menschliche Aufsicht dürfen nicht vergessen werden.

Stromkosten
Die Entwicklung neuer Technologien kann die Energiekosten in Zukunft senken. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass Strom für Verbraucher deutlich billiger wird. Grüne Energie und die Entwicklung des Elektroverkehrs sind nicht kostenlos. Produktion, Logistik und Ressourcen erfordern weiterhin erhebliche Investitionen, die oft vom Endverbraucher getragen werden. Daher wird die Energieentwicklung immer nicht nur mit technologischem Fortschritt, sondern auch mit wirtschaftlichen und sozialen Faktoren verbunden sein, die Energiepreise und Infrastrukturentwicklung beeinflussen.

Rolle der Arbeiter im Energie-Bauwesen

Trotz technologischer Fortschritte spielt körperliche Arbeit im Energie-Bauwesen weiterhin eine sehr große Rolle. Ohne Menschen vor Ort funktionieren Technologien einfach nicht. Arbeiter – Bediener, Monteure und Bauarbeiter – bilden das Fundament eines Projekts. Ihre Genauigkeit, Erfahrung und Professionalität gewährleisten einen reibungslosen Projektablauf und die Lösung technisch komplexer Situationen. Diese Arbeiter machen das Projekt oft erfolgreich, denn selbst wenn moderne Technologien und KI Prozesse optimieren, legt sich ein Kabel nicht von selbst. Daher ist es wichtig, die Arbeiter anzuerkennen und zu motivieren. Wenn sich Menschen nicht wertgeschätzt fühlen, kann die Projektqualität sinken.

Energetische Sicherheit in Lettland

Die Energiesicherheit und Unabhängigkeit Lettlands ist derzeit auf einem sehr hohen Niveau, hauptsächlich dank der bestehenden Wasser- und Wärmekraftwerke, die eine ausreichende Produktionskapazität bereitstellen. Diese Infrastruktur ermöglicht es dem Land, den täglichen Energiebedarf vollständig zu decken, ohne ein Defizit zu erzeugen, und sorgt für eine stabile und sichere Stromversorgung.

Die Fähigkeit Lettlands, unabhängig zu operieren, getrennt vom russischen Energienetz, ist bemerkenswert. Die Hauptaufgabe in dieser Situation besteht darin, die Frequenzstabilität aufrechtzuerhalten. Lettische Spezialisten bewältigen dies erfolgreich, was zeigt, dass das Land auch in Notfällen eine sichere und stabile Stromversorgung gewährleisten kann.

Auch die Cybersicherheit ist in modernen Energiesystemen, die stark auf IT-Lösungen setzen, von entscheidender Bedeutung. Der Schutz von Informationen und die Verhinderung unbefugten Zugriffs stärken Lettlands Energiesicherheit. Simulationen und Schulungen von Fachkräften sind besonders wertvoll, da sie Systeme und Menschen auf mögliche Krisensituationen vorbereiten.

 

[1] Das weltweit größte experimentelle Kernfusionsprojekt – der International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER)