Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind mehr als 80 Jahre vergangen, doch seine Folgen sind in der deutschen Bauwirtschaft nach wie vor spürbar. Aufgrund der umfangreichen Luftangriffe während des Krieges können sich bis heute Kampfmittel im Boden befinden – und werden dort auch weiterhin gefunden. Dazu zählen Blindgänger von Fliegerbomben, Minen und andere explosive Kampfmittelaltlasten.

Leider gibt es in Deutschland tragische Beispiele für die Gefahren, die von Kampfmitteln ausgehen. Im Jahr 2021 explodierte bei Bohrarbeiten in der Nähe des Eisenbahnknotens Donnersbergerbrücke in München eine rund 250 kg schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg.[1] Vier Menschen wurden verletzt, einer davon schwer. Der Bahnverkehr musste vorübergehend eingestellt werden. Eine ähnliche Tragödie ereignete sich im Januar 2014 in Euskirchen: Bei der Explosion eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg kam ein Baggerfahrer ums Leben, weitere 13 Menschen wurden verletzt.[2]

Auch wir von Latvijas Energoceltnieks sind bereits mit diesem Risiko konfrontiert gewesen und haben in mehreren Fällen verdächtige Gegenstände entdeckt, bei denen es sich möglicherweise um explosive Kampfmittel handelte. Ein Beispiel sind Bauarbeiten in einer Wohnstraße in Hamburg, bei denen Munitionsreste gefunden wurden. Die Arbeiten an der betreffenden Stelle wurden eingestellt, der Bereich abgesperrt und die zuständigen Einsatzkräfte verständigt. In diesem Fall befand sich bereits ein Spezialist in der Nähe, da das Gebiet zuvor als potenzieller Gefahrenbereich mit einem vergleichsweise geringen Risiko eingestuft worden war. Auch bei Bauarbeiten in der Umgebung von Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern war die Unterstützung spezialisierter Fachkräfte erforderlich. In Gebieten, in denen eine potenzielle Gefährdung bekannt war, führten Experten gründliche Bodenuntersuchungen und kontrollierte Erdarbeiten durch, bevor die Bauarbeiten fortgesetzt werden konnten.

In den Jahrzehnten seit dem Krieg wurden selbstverständlich umfangreiche Maßnahmen zur Untersuchung betroffener Gebiete und zur Beseitigung von Kampfmitteln durchgeführt. Dennoch lässt sich nicht mit Sicherheit gewährleisten, dass sämtliche potenziell gefährlichen Bereiche vollständig erfasst und untersucht wurden. Daher stellen nicht detonierte Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg bei sämtlichen Erd- und Bohrarbeiten – einschließlich der Verlegung unterirdischer Telekommunikationsinfrastruktur – nach wie vor ein potenziell erhebliches Risiko dar.

Die Risikobewertung beginnt bereits in der Planungsphase

Bevor Bauarbeiten geplant werden, muss bereits in der Planungsphase geklärt werden, ob sich im betreffenden Gebiet Kampfmittel befinden könnten. Dazu werden historische Luftbilder und weitere Archivunterlagen ausgewertet, um mögliche Bombenabwurf- und Bombeneinschlagsgebiete zu identifizieren. Auf Grundlage dieser historischen Daten wird entschieden, ob weiterführende Untersuchungen und eine detaillierte Überprüfung des Geländes erforderlich sind.

Die Auswertung historischer Luftbilder ist insbesondere in Gebieten von Bedeutung, in denen Spuren früherer Bombardierungen oder Bombenkrater erkennbar sind. Dort besteht die Möglichkeit, dass sich weiterhin explosive Kampfmittel im Boden befinden. Selbst der Fund von Munitionsresten kann auf frühere Kampfhandlungen hindeuten und eine genauere Untersuchung des umliegenden Geländes erforderlich machen.

Wenn ein Unternehmen selbst für die Planung eines Bauprojekts verantwortlich ist, muss es sicherstellen, dass die erforderlichen Untersuchungen durchgeführt werden, gegebenenfalls unter Einbindung spezialisierter Fachunternehmen. Ist ein Unternehmen hingegen als Bauausführender tätig und wurde das Projekt von einem anderen Unternehmen geplant, muss es vor Beginn der Arbeiten Informationen über bekannte Risiken und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen einholen.

Wie werden Arbeiten in Gebieten mit erhöhtem Gefährdungspotenzial durchgeführt?

Der Umfang der erforderlichen fachlichen Überwachung richtet sich nach der jeweiligen Gefährdungseinstufung. In Gebieten mit geringer Gefährdung kann die Anwesenheit eines Spezialisten ausreichen, während die Erdarbeiten vom Bauunternehmen selbst ausgeführt werden. Besteht jedoch der Verdacht auf nicht detonierte Kampfmittel, müssen qualifizierte Fachkräfte für die Kampfmittelsuche und -beseitigung in die Planung und Durchführung der Arbeiten eingebunden werden. Sie tragen den Boden schrittweise und schichtweise ab. Bevor die nächste Bodenschicht entfernt wird, werden sowohl der freigelegte Boden als auch die Oberflächen der Baugrube mit geeigneten Suchgeräten untersucht. Die Arbeiten dürfen erst nach Freigabe durch den zuständigen Spezialisten und unter Einhaltung der geltenden Sicherheitsvorschriften fortgesetzt werden.

Je nach Gefährdungslage kann es in bestimmten Fällen erforderlich sein, Baumaschinen mit zusätzlicher Schutzausrüstung auszustatten, beispielsweise mit verstärkten Schutzverglasungen oder Schutzkonstruktionen aus Stahl.

Auswirkungen auf Bauzeiten und Kosten

Die Einbindung spezialisierter Fachunternehmen, gründliche Geländeuntersuchungen, die fachliche Überwachung und gegebenenfalls die Anpassung von Baumaschinen verursachen zusätzliche Kosten und verlängern die Bauzeiten. Wird die Arbeit durch einen Spezialisten überwacht, sinkt die Arbeitsproduktivität um 50 %. Übernehmen die Spezialisten zusätzlich die Sondierung des Bodens und die Erdarbeiten, beträgt der Produktivitätsrückgang 90 %.

Auch wenn diese Maßnahmen den Baufortschritt verlangsamen und die Kosten erhöhen können, hat die Sicherheit der Menschen stets oberste Priorität.

Die Sicherheit der Menschen – oberste Priorität bei jedem Projekt

Arbeiten in Gebieten, in denen sich möglicherweise nicht detonierte Kampfmittel befinden, können mehr Zeit, zusätzliche Ressourcen und eine sorgfältigere Planung erfordern. Bei der Sicherheit sind unter solchen Umständen jedoch keinerlei Kompromisse zulässig. Die Sicherheit der Menschen hatte für uns schon immer und überall absolute Priorität – sowohl die unserer Mitarbeiter als auch die der Anwohner. Deshalb gehören die sofortige Einstellung der Arbeiten, die Absicherung des betroffenen Bereichs und die Hinzuziehung der zuständigen Fachkräfte bei jedem verdächtigen Fund zu unseren festen Arbeitsabläufen.

Autor: Kaspars Reinholds, Direktor der Abteilung für Telekommunikationsnetze bei Latvijas Energoceltnieks
[1] Vier Verletzte nach Explosion
[2] Nordrhein-Westfalen: Blindgänger explodiert in Euskirchen – ein Toter | DIE ZEIT

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